Wolle auftrennen, glätten, neu verstricken: Meine „Myrtha 2“

Wenn man ein Strickstück nicht mag oder es nicht passt, hat das Stricken einen großen Vorteil gegenüber anderen Handarbeitstechniken: Man kann etwas Gestricktes wieder auftrennen und das Garn normalerweise (fast) verlustfrei wieder nutzen. Allerdings sollte man es vor dem Neu-Verstricken glätten. Wie ich dabei vorgehe, das zeige ich heute.

Mit meinen Strickstücken hatte ich in den letzten Jahren nicht sehr viel Erfolg, alle größeren Werkstücke habe ich wieder aufgetrennt: Die Jacke The Lighthouse Keeper’s Wife war mir zu fluffig, das Tuch Brickless in orange-braun-Tönen zu schmal, und die Jacke Myrtha zu klein.

Für mich ist es ein bisschen wie beim Puzzeln, in das ich völlig hineinkippen kann: Wenn ich ein 2000-Teile-Puzzle löse, verbringe ich einfach eine schöne Zeit damit. Und dann zerlege ich es wieder. So ähnlich empfinde ich es beim Stricken: Der Weg ist das Ziel. Mich entspannt Stricken sehr, und ich verbringe gern Zeit mit dieser Tätigkeit. Ich freue mich durchaus, wenn ein Stück auch mal fertig ist. Aber ich kann relativ schmerzfrei Stücke wieder auftrennen.

Nun gut: Im Fall der Myrtha hat es zwei Jahre gedauert, bis ich mich dazu durchgerungen habe, sie wieder aufzutrennen. Das waren zwei Jahre, in denen ich die Jacke sehr oft getragen habe, obwohl sie mir von Anfang an zu eng war, sowohl am Rumpf als auch an den Armen, und die Ärmelbündchen eingeschnitten haben, wenn ich – wie üblich – die Ärmel hochgeschoben habe. Ich habe die zu kleine Jacke getragen, weil die Farbe sooo schön ist und sooo gut zu sooo vielen anderen Stücken in meinem Kleiderschrank passt!

Strickjacke „Myrtha“, Version 1: leider zu eng

Nach zwei Jahren war ich genervt genug und hatte zwei Optionen: Entweder ich verkaufe das gute Stück und kaufe mir dafür neues Garn. Oder ich trenne die Jacke wieder auf und verwende das schöne, wertvolle Material ein zweites Mal. Ich wusste nicht, an wen ich sie verkaufen sollte, also habe ich aufgetrennt. Die Wolle kann man während des Auftrennens ganz einfach mit der Hand wieder zu einem Knäuel wickeln, schneller geht es allerdings mit einem Garnwickler, wie ich es hier schon einmal gezeigt habe:

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Die Möglichkeit, das Stück wieder auftrennen zu können, ist tatsächlich etwas, das ich am Häkeln und Stricken sehr liebe. Denn wenn ich ein Kleid nähe, ist der Stoff dauerhaft zerschnitten. Klar kann ich noch einmal Up- und Recycling mit Stoffen betreiben, aber so richtig wiedergutmachen kann ich den Stoff halt nicht mehr.

Im Gegegensatz dazu bekomme ich bei einem Strickgarn mehr oder weniger die ursprüngliche Länge Faden wieder zurück und kann daraus etwas anderes stricken. (Sofern die Wolle beim Auftrennen nicht heillos verheddert oder verfilzt – ein Mohair-Garn aufzutrennen ist der Horror! – oder bewusst zerschnitten wurde wie beim „Steeken“.) In früheren Zeiten war es ja auch ganz üblich, ältere Teile aufzutrennen und das wertvolle Garn erneut zu nutzen. Das hat zu tun mit Sparsamkeit, aber auch mit Achtsamkeit und Wertschätzung von wertvollen Materialien.

Aufgeribbelte Wolle ist gewellt

Wolle ist Haar, meistens Schafshaar. Und so, wie meine Haare morgens gewellt sind, wenn ich mir abends einen Zopf geflochten habe, so ist auch die Wolle in Maschengröße gewellt, wenn ich sie wieder auftrenne. Damit ich sie besser neu verstricken kann, glätte ich die Wolle.

Dazu wickle ich die aufgeribbelte Wolle zunächst auf ein Gestell, auf dem ich sie befeuchten und dann auch wieder trocknen lassen kann. Mein Hilfsmittel der Wahl ist derzeit eine selbst aus Matador gebaute Haspel. Früher habe ich dafür gerne Kleiderhaken aus Holz verwendet, die auf beiden Seiten eine Ausnehmung haben. Kleiderhaken aus Plastik eignen sich nicht so gut, weil sie sich unter der Spannung der herumgewickelten Wolle leicht verziehen.

Ein alter Kleiderhaken aus Holz tut gute Dienste zum Aufwickeln der Wolle

Auch auf der Haspel ist es wichtig, dass ich die Wolle mit möglichst wenig Spannung aufwickle, da sich sonst die Stäbe nach innen verbiegen! Am besten geht das, wenn ich immer ein Stück vom Knäuel abwickle und möglichst locker um die Haspel lege.

Hier habe ich das Garn zu fest aufgewickelt: Die Haltestäbe meiner Haspel biegen sich nach innen.

Danach mache ich das Garn in der Dusche richtig nass, wodurch sich die Wolle sofort sichtbar entspannt. Mit den Händen drücke ich so viel Feuchtigkeit wie möglich raus, und hänge die Haspel oder den Kleiderbügel dann zum Trocknen auf.

Nach zwei bis drei Tagen ist das Garn durchgetrocknet und der Faden wieder glatt, bereit für neue Verstrickungen.

Nach der Behandlung ist der Faden wieder glatt und bereit, erneut verstrickt zu werden.

Da ich nicht besonders schnell stricke, habe ich immer ein Knäuel lang Zeit, um das nächste Knäuel umzuspulen, zu befeuchten und wieder trocknen zu lassen. Es zieht sich halt dann über mehrere Tage, aber es eilt mir ja nicht.

Und so habe ich mir die Myrtha jetzt vier Größen größer gestrickt (ein weiteres Knäuel dafür zum Glück noch nachkaufen können). Dabei habe ich das Blättermuster im Vorderteil weggelassen, weil das grün melierte Garn für sich allein schon genug wirkt.

Die Schulterpartie und die Knopfleisten habe ich mit einem Stoff hinterlegt bzw. verstärkt, damit sie nicht ausleiern. Seht ihr das, was für ein Glück und ein Zufall, dass ich noch einen Rest eines GENAU zur Wolle passenden grün melierten Stoffes hatte!? Perfekt.

Damit die Sattelschulter nicht ausleiert bzw. hängt, habe ich sie mit nicht dehnbarem Stoff hinterlegt und verstärkt.

Die Idee einer hinterlegten Knopfleiste hatte ich mir mal von Fröbelina abgespeichert, wobei ich jetzt gerade feststelle, dass Fröbelina einen richtigen Schlauch als Verstärkung näht, während ich „nur“ einen einfachen Stoffstreifen verwendet habe. (Für mehr hätte mein Stoff aber auch nicht gereicht.) Ich habe die Kanten 1 cm umgebügelt und dann die Stoffstücke mit kleinen Saumstichen an den Knopfleisten festgenäht.

Schlitze in den Stoff geschnitten, in der Größe der vorher gestrickten Knopflöcher. Anschließend mit einem Knopflochstich per Hand umnäht und dabei das Gestrick mit dem Stoff verbunden. Jetzt leiert die Knopfleiste nicht mehr aus!

Und jetzt bin ich tatsächlich sehr zufrieden mit meiner neuen, verbesserten Myrtha. Ein Mal Auftrennen reicht: Diese Jacke wird jetzt einfach getragen!

Die neue, jetzt passende Myrtha. Am Bild links sieht man ganz schön, wie die Verstärkung mit Stoff die Knopfleiste gerade hält.

Was machst Du mit ungeliebten Strickstücken? Weitergeben, Aufribbeln oder etwas ganz Anderes?


Mit diesem Projekt kann ich meine ersten drei Kreuze beim Herbst-Handarbeitsbingo 2021 setzen: etwas auftrennen, etwas Grünes machen, etwas stricken. Jetzt muss ich mich ein bisschen sputen, damit ich bis zum Finale am 20. November noch ein paar Felder abhaken kann!

Das ist drin

  • Schnitt/ Anleitung: Strickjacke Myrtha von Katrin Schneider. Um 6,- Euro gekauft über Ravelry.
  • Änderungen: Ich habe die Fertigmaße meiner ersten Version verglichen mit Jacken, die mir passen, und habe diese zweite Version gleich vier Größen größer gestrickt als die erste! („L2“ statt „M1“.) Das Blättermuster im Vorderteil habe ich bei der zweiten Jacke weggelassen.
  • Material: 3 1/2 Stränge (à 100 g) Malabrigo „Sock“ in Farbe 138 „Ivy“ (100% Merino Superwash – daher trotz des Namens nur bedingt für Socken geeignet). Kosten der verbrauchten Wolle ca. 55,- € (selbst gekauft bei der Maschenwerkstatt in Graz). 7 braune Knöpfe aus meinem Fundus.
  • Werkzeug: jeweils Rundstricknadel und Nadelspiel 3,5 mm und 3 mm
  • Arbeitszeit: viele Stunden (ich habe nicht gezählt)

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9 Kommentare

  1. Liebe Gabi, ein toller Beitrag zum Wiederverwenden von Wolle. Ich bin auch schmerzfrei beim Ribbeln und werde in Zukunft auch Glätten. Habe ich doch eine uralte Haspel von meiner Tante bekommen. Das Verstärken der Schulternähte und Knopfleiste finde ich sehr interessant! Werde ich beim nächsten Strickstück bedenken. Ich bin übrigens auch Team „Der Weg ist das Ziel“. 🤗 LG Undine

    • Danke für deinen schönen Kommentar, liebe Undine! Ich freu mich, wenn du hier Anregungen bekommen hast. Eine uralte Haspel von deiner Tante, das klingt spannend. Zeigst du die auch bei dir am Blog? Liebe Grüße, Gabi

  2. Ich hab auch schon Wolle aufgeribbelt, mach ich immer mit Sockenschäften, wenn das Fußteil kaputt ist. Aber extra glätten tu ich net. Verstricken und beim nächsten Mal waschen ist alles wieder gut. Das sieht dann wieder gleichmäßig gestrickt aus.

    • Mich macht so „wubbelige“ Wolle nervös, ich verstricke lieber glatte. Aber wenn es für dich auch ohne Glätten funktioniert, ist ja alles gut. Liebe Grüße, Gabi

  3. Dieser Beitrag ist für mich sehr interessant. Ich ziehe nämlich meine gestrickten Sachen, wenn ich sie nicht mehr trage, auch wieder auf und stricke was Neues draus. Zwei Dinge werde ich dabei in Zukunft ändern: mit dem Garnwickler auftrennen (bisher hab ich das mit Hand gemacht) und das Wickeln der Wolle auf einen Kleiderbügel. Ich hab zwar so einen nicht, aber vielleicht kann ich mir einen zurechtbasteln (bisher hab ich die Wolle auf ein Schneidebrett gewickelt). Also vielen Dank für die Tipps.

    • Auf ein Schneidebrett wicklen ist auch eine feine Idee! Nur aufhängen kann man das Schneidebrett nicht so gut wie einen Kleiderhaken. 🙂 Liebe Grüße, Gabi

  4. Mir gefiel deine Myrtha an dir auf den Fotos sehr, aber man muß sich schon wohlfühlen, das ist richtig.Die Schulterlösung gefällt mir an der Jacke auch sehr. Nun hast du das Mustervorderteil weggelassen,aber das Grün ist sehr schön.
    viele Grüße Karen

    • Liebe Karen, du hast ja Recht: Wenn ich die Myrtha 1 auf den Bildern betrachte, gefiel sie mir auch gut. Nur zu tragen war sie unbequem, und dann hilft leider alles nix: Lieblingsteil wird das dann keines. Es ist schon bitter, das ganze Gestrick wieder aufzutrennen, aber das Ergebnis hat den (nochmaligen) Aufwand hier wirklich gelohnt! Liebe Grüße, Gabi

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