Ein Stickmustertuch von 1931, plus Inspirationen für die Stoffspielerei „Monogramme“

Stickmustertuch von 1931

Am letzten Sonntag im Monat (am 28. Juni 2020) sammle diesmal ich als Gastgeberin Eure Beiträge zum Stoffspielerei-Thema „Mongramme“. Heute zeige ich ein Stickmustertuch von 1931, das meine Großmutter gestickt hat, und habe ein paar Anregungen für Eure eigenen Stoffspielereien.

Das Stickmustertuch

Meine Oma Anna J. (geborene H.) ist genau heute genau 100 Jahre und 7 Monate alt. 

Anna wurde im November 1919 in Lofer (Land Salzburg, an der bayrischen Grenze) als drittes von sechs Kindern geboren. Ihr Vater war Holzknecht für die Bayrischen Bundesforste. Er verdiente so wenig, dass er die große Familie nicht versorgen konnte. Anna kam deshalb mit 10 Jahren zu einem Bauern. (Auch die ältere Schwester Maria kam zu einem Bauern, hatte aber zu viel Heimweh und wurde wieder nach Hause geschickt. Die jüngere Schwester Katharina wuchs beim Bruder des Vaters auf.) Bis zu Ihrer Heirat 1940 (mit 20 Jahren) arbeitete Anna für unterschiedliche Bauern als „Dirn“ (Magd) auf den Höfen und als Sennerin auf der Loferer Alm.

Die Initialen ihrer Familienmitglieder: Anna H. (Mutter), Johann H. ( Vater), Maria H. (ältere Schwester), Katharina H. (jüngere Schwester), N.H. (?)

Bis 1934 besuchte Anna die Volksschulen in Lofer und Unken. 1931, als sie dieses Stickmustertuch angefertigt hat, war sie 11 Jahre alt. Da hat sie schon nicht mehr bei ihren Eltern gelebt. (Wer von Euch kann sich das vorstellen, sein zehnjähriges Kind wegzugeben?)

Die Oma erzählte, dass immer wenig zu Essen war. Aber der Bauer hat sie regelmäßig am Abend ins Tal zum Wirtshaus geschickt, Zigaretten und Rum holen. Eineinhalb Stunden hinunter ins Tal, zwei Stunden im Dunkeln wieder hinauf. Und sie hat nicht auf der Straße gehen dürfen, damit die Nachbarn es nicht mitbekommen, dass er säuft, sondern hat am Waldrand entlang gehen müssen. Sie hat sich im Dunkeln gefürchtet, ist gerannt. Und hat trotzdem immer wieder gehen müssen.

Trautes Heim?

Ihren späteren Mann Ludwig hat sie kennengelernt, als er in der Zwischenkriegszeit zum Straßenbau in den Pinzgau gekommen ist. Ein Wiener! Die Einheimischen haben gesagt: „Einen Ausländer lacht sie sich an! Sind ihr die unsrigen nicht gut genug?“

Die Familie ist nach Zell am See gezogen, meine Oma hat sieben Kinder zur Welt gebracht. Als das Jüngste 4 Jahre alt war, starb der Mann. Anna ist putzen gegangen: ins Hallenbad, bei einem Steuerberater, in einem Kino. Sie hat sich abgerackert, für sich und ihre Kinder gesorgt. Und aus allen „ist etwas geworden“. 

Anna H., 1931

Aus den Augen meiner Oma blitzt blau der Schalk, wenn sie einen Scherz macht. Und sie scherzt gerne, wir lachen viel, wenn wir sie besuchen. Sie erkennt noch immer jeden aus ihrer großen Familie mit 14 Enkeln, 33 Urenkeln und 6 Ur-Ur-Enkeln.

Und wenn meine Oma zu mir sagt: „Mausl, was du alles schon durchgemacht und überstanden hast!“ Dann kann ich nur sagen: „Oma, wie Du Dein Leben gemeistert hast, dafür fehlen mir die Worte.“

Gerade bemerke ich, dass dieser Blogpost heute weniger eine Abhandlung über ein Stickmustertuch geworden ist, und was darauf zu sehen ist. Sondern vielmehr eine Liebeserklärung an meine mutige, zähe, tatkräftige, liebevolle, herzensgute Oma!

Diese Hände haben vor fast 90 Jahren das Mustertuch gestickt.

Ich weiß leider viel zu wenig über das Tuch und die Motive darauf, und auch nicht über den Handarbeitsunterricht in der Zwischenkriegszeit. Aber ich finde überraschend, wie „modern“ das Tuch wirkt. Genau so ein Tuch könnte auch heute noch als „klassisches“ Mustertuch gestickt werden.

Ich stelle mir vor, wie die Oma an den Abenden beim Bauern in der Stube gesessen ist und Kreuz für Kreuz an diesem Tuch gestickt hat, nachdem sie vormittags in der Schule war und danach am Hof mitarbeiten musste. Später hat sie nie viel gehandarbeitet. Wahrscheinlich hat sie mit so vielen Kindern einfach nicht die Zeit und auch nicht die Muße dafür gehabt.

Inspirationen für die Stoffspielereien

Monogramme dienen dazu, Dinge als persönliches Eigentum zu kennzeichnen. In früheren Zeiten konnte durch diese Markierung die eigenen Wäsche am gemeinsamen Waschplatz wieder identifiziert werden. (Wenn mir einfällt, wo ich das zuletzt gelesen habe, ergänze ich die Quelle hier.) Junge Frauen verbrachten ungezählte Stunden damit, ihre Aussteuer mit Monogrammen zu markieren.

Zum Glück müssen wir das heute – wo die meisten Leute eigene Waschmaschinen besitzen – nicht mehr tun. Aber persönliche Dinge mit einem Monogramm zu kennzeichnen kann trotzdem ganz praktisch und vielleicht sogar hübsch sein.

Männertasche mit Magnetverschluss und Monogramm

2014 gab es schon einmal eine Stoffspielerei zum Thema „Monogramme und mehr“ bei Suschna. Das Thema finde ich so vielfältig, dass wir es getrost nach sechs Jahren wiederholen können.

Ute (123-Nadelei) hat damals einen ausführlichen, allgemeinen Artikel über Monogramme und Stickvorlagen geschrieben, der eine lange Liste von Online-Quellen und schöne Fotos von alten Kupferschablonen enthält. Lesenswert! Und Martina hatte „respektlos ein M auf einen Rock gerotzt“ – große Klasse!

Ich bin (war ja klar) fokussiert aufs Sticken. Nicht umsonst betreibe ich die „handgestickt“ Linkparty.

Kreuzstich-Monogramm auf meinem Badetuch (2019)

Bei Mary Corbet gibt es eine ganz wundervolle Übersichts-Seite, mit verschiedenen Techniken & Tipps für Monogramme. Außerdem habe ich mir Marys PDF „Favorite Monograms“ mit Vorlagen für 16 verschiedenen Alphabete zugelegt. Damit möchte ich für meine Spielerei ein paar verschiedene Techniken ausprobieren. Besonders die traditionelle Weißstickerei hat es mir angetan.

Außerdem habe ich aus dem Mustertuch oben die Kreuzstichbuchstaben herausgezeichnet, das nicht vorhandene „J“ habe ich dazu erfunden. Vielleicht möchte das jemand für ein Projekt verwenden?

Aber vielleicht gefallen Euch ja auch ganz andere Techniken besser, mit denen Ihr Monogramme unkonventioneller auf Textilien bekommt oder mit Textilien gestalten wollt? Häkeln, Stricken, Färben, Nähen, Applizieren, Zusammensetzen,… Es geht diesen Monat einfach darum, einen Buchstaben kreativ zu gestalten. Lasst Eurer Fantasie freien Lauf! Ich freue mich besonders auf Eure Beiträge, die ich am 28. Juni hier bei mir am Blog sammle.

Bis dahin: Frohes Ausprobieren!

22 Kommentare

  1. Liebe Gabi, wenn man über Deine Oma liest und erfährt, was sie alles geleistet hat (schon als KIND!), können einem die Tränen kommen. Es gab so viele Leute, denen es sehr schlecht ging. Meistens haben sie aber nicht gejammert, sondern viel gearbeitet und versucht, das Beste aus allem zu machen. Wenn ich da heute viele dieser weinerlichen jungen Leute höre, die zwar mehr als alles haben, denen aber alles „zu stressig“ ist und sich dringend ausruhen und Urlaub machen müssen, könnte ich ausflippen. Solche Weicheier! Grüße Deine liebe Oma herzlich und danke für Deinen Bericht. Claudia

    • Der Leitspruch meiner Oma war und ist immer: „Hilf Dir selbst, dann hilft Dir Gott.“ Als ihr Mann so unerwartet gestorben ist und sie nicht wusste, wie sie sieben Kinder vom Halbwüchsigen bis zum Kleinkind durchbringen sollte, da haben ihr nur wenige geholfen. Sie hat die Ärmel hochgekrempelt und angepackt. Es ist ihr auch nicht viel anderes übrig geblieben. Es war und ist eine andere Generation, und ganz bestimmt war früher nicht alles besser. Aber auch heute ist nicht alles besser, es ist einfach anders. Bei vielen Halbwüchsigen und jungen Leuten in unserem Bekanntenkreis sehe ich, dass sie (oder auch ihre Eltern) es immer länger hinauszögern, Verantwortung für sich und ihr Leben zu übernehmen, selbständig zu werden. Aber ich kenne auch genug andere, die anpacken und ihr Leben selbst gestalten. Es gibt immer solche und andere, ich hüte mich vor Verallgemeinerungen. Liebe Grüße, Gabi

  2. Liebe Gabi,
    die Geschichte und den Beitrag über Deine Großmutter finde ich auch sehr berührend, was muß es für sie schon bedeutet haben, als 11jährige überhaupt das Material für ein Stickmustertuch zu haben!
    Diese Stickmustertücher wurden auch Merktücher genannt, was ihren Sinn und Zweck genau beschreibt : Die Tücher waren Inspiration und Anleitung für’s ganze Leben der Stickerin.
    In meiner Familie sind keine solchen Schätze erhalten, von der Familie meines Mannes gibt es nur sehr einfache Stickereien auf – immerhin selbstgewebten – Leinen. Und Monogramme auf Besteck, das taucht schon häufiger auf.
    Monogramme sind als Besitzzeichen bis heute notwendig, wer immer Kinder im Internat hat oder auch nur in ein Ferienlager schickt, kann davon berichten !

    Mir gefallen Monogramme, solange sie nicht zu protzig daherkommen.
    Danke für das Thema, das uns in die Familiengeschichte führen kann, und für Deine Mühe als Gastgeberin .
    Hier ist mein Beitrag: https://tychestouch.blogspot.com/2020/06/monogramme.html

    Liebe Grüße,
    Erholsame Sommertage
    Tyche

    • Liebe Tyche, Du sagst etwas Wahres, das ich zwar gedacht aber nicht aufgeschrieben habe: Stickzubehör ist auch heute nicht billig. Wer hat das Material für das Tuch bezahlt? Ich weiß es nicht.
      Danke für Deinen schönen, ausführlichen Beitrag, ich habe ihn gerne zur Linksammlung hinzugefügt. Auch Dir einen schönen Sommer! Liebe Grüße, Gabi

  3. Sigrid Prenner

    So ein schöner Post, bin ich froh, den noch gelesen zu haben! Hab zwar nur 2 Kinder, aber im Moment auch kaum Zeit für Hobbies!!! Es ist berührend, was unsere Eltern und Großeltern alles durchgemacht haben und erstaunlich, wie sie alles geschafft haben. Wir können nur Respekt davor haben.
    Monogramme mag ich sehr, habe allerdings noch nie eines gemacht. Freu mich schon auf eure Ergebnisse.
    Liebe Grüße, Sigrid

    • Du hast so Recht: Was die alles durchgemacht haben. Dein Kommentar macht mir gerade so bewusst, in welcher heile-Welt-Bubble ich eigentlich lebe/ wir leben. Denn wenn ich genauer drüber nachdenke, ist dieses „was die alles durchmachen“ nicht einfach nur ein historisches Phänomen sondern passiert heute auch, genau so, oder noch schlimmer, in ganz vielen Weltgegenden. Auch diese Menschen verdienen unseren Respekt und unsere Achtung. Liebe Grüße, Gabi

  4. Faszinierend wie uns Handarbeiten Geschichten erzählen können, eingänglicher als Geschichtsunterricht .
    Deine Familiengschichte habe ich gerne gelesen und dabei an meine Oma gedacht bei der ich viele Handarbeitstechniken abgeschaut habe. Die verflossenen Jahre bringen mich ihr näher, gerne würde ich sie manchmal etwas fragen aber sie ist schon viele Jahre nicht mehr da.
    Mal sehen was ich für Sonntag mache, überlege gerade welche Bedeutung Monogramme heute haben.
    Einem Thüringer Stickmusterheft habe ich die Wäscheplatzgeschichte entnommen.
    LG Ute

    • Meine Oma hat nie viel gehandarbeitet, höchstens Socken gestrickt. Sie hatte nicht die Zeit und auch nicht das Geld, ein Hobby zu pflegen. Ah, die Wäscheplatzgeschichte habe ich bei Dir gelesen? Danke, ich konnte es nicht mehr zuordnen. Liebe Grüße, Gabi

  5. Hach, jetzt neigt sich der Juni schon fest dem Ende zu… und ich hab noch immer keine Monogram-Arbeit fertig. Dabei sind ja zwei begonnen… Na wie immer ob rechtzeitig fertig oder nicht – danke für den Stups!

    • Liebe Eva, dann poste halt Dein Work in Progress bei den Monogrammen. Unvollendetes ist bei der Stoffspielerei ja erlaubt! Liebe Grüße, Gabi

  6. Ein wunderbarer Beitrag, damit zeigt sich such aus medizinischer Sicht das harte Arbeit und karge Lebensweise zu einem langen Leben führen. Ich kenne solche Beispiele auch. Ich sammle seit vielen Jahren Monogramme Stickmustertücher und Monogrammschablonen. Bin dabei einen Quilt daraus zu fertigen. Wenn er fertig ist werde ich den Quilt auf Instagram Posten (Farbrausch 2044) bis dahin viele liebe Grüße von Heidrun Wolf

    • Ein Quilt aus Monogrammen klingt sehr spannend! Vielleicht magst du einen Zwischenstand zu den Stoffspielereien posten? Hast Du einen Blog? Liebe Grüße, Gabi

  7. Liebe Gabi!
    Das ist eine echt rührende Geschichte – schön, dass du darüber berichtet hast.
    Liebe Grüße Karin

  8. Liebe Gabi,
    deinen Artikel über deine Oma habe ich sehr gern gelesen. Was für ein Leben. Wie schön, dass sie bei dir und von dir so richtig gewürdigt wird.

    Ich habe meinen Beitrag gerade fertig bekommen und freue mich schon auf das Treffen nächstes Wochenende.

    Herzliche Grüße aus St. Petersburg!

  9. Liebe Gabi, Nina hat das richtige Wort dafür gefunden: die Liebeserklärung an deine Oma ist ganz wunderbar zu lesen. Sie muss ein starker Mensch sein.
    Deine Ideensammlung und der Verweis auf die vergangenen Stoffspielereien kommen mir sehr gelegen, da werde ich mal stöbern gehen. Auf filigranes Sticken habe ich nämlich gerade keine Lust. Aber ich habe ein paar andere Ideen 🙂
    Liebe Grüße Christiane

  10. Wischnewski, Sieglinde

    Ja, liebe Gabi, auch von meiner Oma – 1886 geboren – spreche ich noch heute liebevoll. Sie war mir der liebsten Mensch auf dieser Welt und hat mich sehr geprägt (Handarbeit). In der Ukraine geboren, musste sie nach dem ersten Weltkrieg, als Deutsche, mit meinem Großvater die Ukraine verlassen. Sie waren 3 Jahre auf der Flucht und unterwegs ist mein Vater und mein Onkel geboren, bis sie Deutschland erreichten. Beide waren bis zu ihrem Tod Analphabeten, da sie nie eine Schule in der Ukraine besuchen durften. Ich habe Ihnen einen Quilt gewidmet. Liebe Grüße Annabella

  11. Liebe Gabi, es berührt und freut mich, dass du deiner Oma so liebenswürdig hier Platz geboten hast, indem du Teile ihres Lebens geschildert hast und das wunderschöne Stickmustertuch zeigst. Aus vergangener Zeit sind viele Handarbeiten geblieben, auch bei mir werden einige Stickarbeiten aus der Aussteuer meiner Oma (geb 1903) gehütet, aber auch genutzt. Gestickt hab ich früher viel, leider keine Monogramme. Eine, aus heutiger Sicht eher dilettantische, Appli-Arbeit hab ich mal mit meinem Blog-Namen gefertigt. Doch so richtig herzeigbar ist die nicht, vllt kann ich mich aufraffen, bis Ende des Monats was zu zeigen (dann auch die wunderschönen Arbeiten aus sehr frühen Zeiten).
    LG eSTe

  12. Du hast ja schon einen Post richtig fertig dazu. So schön, was du uns von deiner Großmutter erzählen kannst.Ich freue mich, dass ihr sie noch habt und sie ihre Familie genießen kann.
    Das Tuch empfinde ich auch als sehr frisch und super exakt! Ich besitze auch eines, aber nicht aus der eigenen Familie.
    Kennst du das Buch „Herbstmilch“?
    viele Grüße, Karen

  13. Du hast es geschafft, wunderbar Deine Geschichte, Deine Liebeserklärung. Diese Geschichten, die durch solche Erinnerungsstücke bleiben, für uns. Was wir heute für ein angenehmes Leben haben, können solche Handarbeiten heute unser Hobby sein, damals zwingende Ausbildung und Notwendigkeit.
    Ich freu mich schon sehr auf all die Ideen.
    Hab einen schönen Sonntagabend und guten Start in die Woche!
    Liebste Grüße
    Nina

  14. Liebe Gabi,
    danke für den Schubser – und v.a. über die liebevollen Zeilen über Deinen Oma. Was die Frauen dieser Generation durchgemacht, erlebt und geschafft haben – ich habe da sehr großen Respekt davor!
    Ich werde mal meine diversen Nähkästchen durchstöbern, mal sehen, was ich alles finde und wie sich das dann umsetzen lässt.
    Liebe Grüße
    Ines

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